Zahnfleisch aufbauen: Was in der Praxis möglich ist

zahnfleisch aufbauen

Zahnfleisch aufbauen lässt sich nur chirurgisch oder durch Abdecken des Defekts. Von allein wächst verlorenes Gewebe nicht nach. Welches Verfahren infrage kommt, hängt vom Knochen darunter ab.

Der Zahn wirkt länger als früher. Am Übergang zum Zahnfleisch schimmert eine gelbliche Zone, die auf Kälte reagiert. Wer das bemerkt, sucht meist zuerst nach einem Mittel, das die Sache rückgängig macht.

Diese Suche endet häufig bei Empfehlungen zu Ölziehen, Vitaminpräparaten oder speziellen Zahnpasten. Keines dieser Mittel baut Gewebe auf. Zahnfleisch besteht aus Epithel und Bindegewebe, beide verankert an Knochen und Zahnwurzel. Ist diese Verankerung einmal verloren, stellt der Körper sie nicht wieder her.

Ob sich Zahnfleisch regenerieren lässt, wird deshalb oft falsch beantwortet. Zahnfleisch aufbauen bleibt trotzdem möglich, allerdings ausschließlich durch einen Eingriff. Die Zahnmedizin kennt dafür mehrere Verfahren, deren Auswahl von einem Faktor abhängt, den kaum jemand auf dem Schirm hat: dem Knochen zwischen den Zähnen.

Warum Zahnfleisch nicht von selbst nachwächst

Um zu verstehen, was ein Eingriff leisten kann, lohnt ein Blick auf den Aufbau. Das Zahnfleisch liegt dem Kieferknochen auf und ist über Fasern mit der Zahnwurzel verbunden. Diese Fasern, fachlich als Bindegewebsattachment bezeichnet, bilden eine Dichtung gegen Bakterien.

Der Knochen darunter bestimmt die Höhe. Zieht sich das Zahnfleisch zurück, liegt das fast immer daran, dass der Knochen an dieser Stelle bereits abgebaut wurde. Das Weichgewebe folgt ihm nach unten.

Daraus ergibt sich die Regel, an der jede Behandlung hängt: Ohne Knochen kein Zahnfleisch. Ein Transplantat, das über einer knochenlosen Zone liegt, findet keine Blutversorgung und schrumpft wieder. Warum ein Kieferknochenabbau überhaupt einsetzt, gehört deshalb zur Vorgeschichte jeder Rezession.

Verbreitet ist die Annahme, gutes Zahnfleisch lasse sich durch Ernährung zurückgewinnen. Was Mineralstoffe für Zähne und Zahnfleisch leisten, betrifft die Widerstandsfähigkeit des vorhandenen Gewebes, nicht dessen Neubildung.

Warum ist der Knochen zwischen den Zähnen so wichtig?

Das dreieckige Zahnfleischstück zwischen zwei Zähnen, die Papille, wird von einer Knochenspitze getragen. Ist diese Spitze erhalten, lässt sich das Zahnfleisch darüber wieder aufbauen. Fehlt sie, bleibt die dunkle Dreieckslücke bestehen, auch nach einem gelungenen Eingriff.

Der US-amerikanische Parodontologe Dennis Tarnow beschrieb 1992 einen Zusammenhang, der bis heute als Planungsgrundlage dient: Liegt der Abstand zwischen Knochenspitze und Kontaktpunkt der Zähne bei fünf Millimetern oder weniger, füllt die Papille den Raum fast immer aus. Ab sieben Millimetern gelingt das nur noch selten.

Diese Zahl wiegt in der Beratung schwerer als jeder Wunsch. Sie erklärt auch, warum manche Patienten ein sehr gutes Ergebnis erzielen und andere trotz identischer Technik enttäuscht werden.

Die Miller-Klassifikation als Wegweiser

Bevor ein Behandler über die Methode spricht, ordnet er den Rückgang ein. Seit 1985 dient dafür die Einteilung nach Preston Miller, ergänzt 2011 durch die Klassifikation nach Cairo.

Bei Klasse I reicht der Rückgang nicht über die Umschlagfalte hinaus, und der Knochen zwischen den Zähnen ist vollständig erhalten. Klasse II geht über die Falte hinaus, der Zwischenraumknochen bleibt intakt. In beiden Fällen lässt sich die Wurzel meist vollständig abdecken.

Bei Klasse III fehlt bereits Knochen zwischen den Zähnen. Eine teilweise Deckung ist möglich, eine vollständige nicht. Klasse IV mit ausgedehntem Knochenverlust erlaubt keine Deckung mehr.

Auffällig oft kommen Patienten mit dem Wunsch nach einem bestimmten Verfahren, das sie im Netz gefunden haben. Die Einteilung entscheidet allerdings zuerst, ob überhaupt etwas geht. Was hinter einer Rezession steckt, muss deshalb vor jeder Methodenwahl geklärt sein.

Das Bindegewebstransplantat als Standard

Die verlässlichste Methode ist zugleich die älteste. Der Chirurg entnimmt ein Stück Bindegewebe aus dem Gaumen, meist aus dem Bereich hinter den Eckzähnen, und schiebt es unter das Zahnfleisch an der behandelten Stelle.

Der Eingriff dauert je nach Ausdehnung 45 bis 90 Minuten und erfolgt unter örtlicher Betäubung. Über der Entnahmestelle am Gaumen wird eine Verbandplatte getragen, weil die Wunde dort offen heilt. Sie schließt sich innerhalb von zwei bis drei Wochen.

Für die Erfolgsaussicht sprechen die Zahlen. Systematische Übersichtsarbeiten der Cochrane Collaboration zeigen für das Bindegewebstransplantat in Kombination mit einem Verschiebelappen die höchsten Deckungsraten aller Verfahren. Bei Miller-Klasse I und II liegen die Werte für vollständige Wurzeldeckung regelmäßig über achtzig Prozent.

Der Nachteil liegt an der Entnahmestelle. Der Gaumen schmerzt in den ersten Tagen deutlich, und viele Patienten empfinden diesen Bereich als unangenehmer als die eigentliche Behandlungsstelle. Wie eine Zahnfleischtransplantation im Einzelnen abläuft, sollten Sie vorab kennen.

Gibt es Alternativen zum eigenen Gewebe?

Ja, und sie haben sich in den letzten Jahren etabliert. Kollagenmatrices aus tierischem Material ersetzen das Transplantat vom Gaumen. Das bekannteste Produkt ist Mucograft von Geistlich, eine Matrix aus Schweinekollagen, die 2010 in Europa zugelassen wurde.

Der Vorteil liegt auf der Hand: keine zweite Wunde, kürzere Eingriffszeit, weniger Beschwerden. Die Deckungsraten liegen allerdings etwas unter denen des Eigengewebes, und bei sehr dünnem Ausgangsgewebe fällt der Unterschied stärker aus.

In der Praxis zeigt sich eine klare Abwägung. Wer eine einzelne Stelle behandeln lässt, fährt mit Eigengewebe meist besser. Bei mehreren Zähnen gleichzeitig spricht die Belastung für die Matrix.

Tunneltechnik und Pinhole als schonende Varianten

Beide Verfahren verzichten auf das klassische Aufklappen des Zahnfleischs und haben die Behandlung in den vergangenen zwanzig Jahren verändert.

Bei der Tunneltechnik löst der Chirurg das Zahnfleisch über mehrere Zähne hinweg vom Knochen ab, ohne es zu durchtrennen. Durch diesen Tunnel zieht er das Transplantat ein und fixiert es mit feinen Nähten. Weil die Blutversorgung vollständig erhalten bleibt, heilt das Gewebe schneller und die Narbenbildung fällt geringer aus.

Die Pinhole-Technik geht einen Schritt weiter. Der kalifornische Zahnarzt John Chao entwickelte sie 2006 und ließ sie patentieren. Über ein Loch von zwei bis drei Millimetern löst der Behandler das Gewebe und schiebt es mit einem speziellen Instrument nach unten über die freiliegende Wurzel. Kollagenstreifen halten es in der neuen Position. Es wird nicht geschnitten und nicht genäht.

Klingt beeindruckend. Die Datenlage ist allerdings dünner als beim Bindegewebstransplantat, und Langzeitstudien über zehn Jahre fehlen weitgehend. Wer sich für dieses Verfahren interessiert, sollte nach der Erfahrung des Behandlers fragen.

Wenn kein Aufbau möglich ist

Bei Miller-Klasse III und IV oder bei Patienten, die einen Eingriff ablehnen, bleiben zwei Wege. Beide bauen kein Gewebe auf, lösen aber die Beschwerden.

Die häufigere Lösung ist eine Kompositfüllung am Zahnhals. Der Behandler trägt zahnfarbenen Kunststoff auf die freiliegende Wurzel auf und verschließt damit die offenen Dentinkanälchen. Die Empfindlichkeit verschwindet, und der dunkle Bereich wird abgedeckt. Der Eingriff dauert zwanzig Minuten und braucht keine Betäubung, sofern kein Beschliff nötig ist.

Bei ausgeprägten Defekten kommen Verblendungen infrage, die den Zahn vollständig überziehen. Welche Arten von Zahnverblendungen zur Auswahl stehen, hängt vom Zustand der Zahnsubstanz ab.

Ein dritter Weg betrifft die Prothetik. Bei mehreren Zähnen mit ausgedehntem Rückgang lässt sich der Bereich mit rosafarbener Keramik oder Kunststoff nachbilden. Diese Lösung wird eher selten gewählt, ist aber bei Frontzähnen mit starkem Substanzverlust manchmal die einzige praktikable.

Was hilft bei freiliegenden Zahnhälsen ohne Operation?

Gegen die Empfindlichkeit wirken Zahnpasten mit Kaliumnitrat oder Arginin, die die Nervenfortsätze beruhigen oder die Kanälchen verschließen. Rechnen Sie mit zwei bis vier Wochen bis zur spürbaren Besserung.

Fluoridlacke in der Praxis wirken schneller und halten mehrere Monate. Sie decken den Defekt nicht ab, senken aber die Reizweiterleitung deutlich. Was bei freiliegenden Zahnhälsen sonst noch hilft, betrifft vor allem die Putztechnik.

Ohne diese Voraussetzung geht nichts

Jeder Eingriff scheitert, wenn die Ursache weiterläuft. Drei Punkte müssen vorher geklärt sein.

Erstens die Entzündung. Eine bestehende Parodontitis muss behandelt und stabil sein, bevor aufgebaut wird. Bakterien im Gewebe verhindern die Einheilung des Transplantats. Vertiefte Zahnfleischtaschen müssen vorher gereinigt und ausgeheilt sein. Die Behandlung des Zahnhalteapparats steht deshalb immer vorne.

Zweitens die Putztechnik. Bei einem erheblichen Teil der Fälle liegt die Ursache in zu kräftigem Schrubben mit harten Borsten. Ändert sich das nicht, geht das neue Gewebe innerhalb weniger Jahre denselben Weg. Wie sich ein Zahnfleischrückgang stoppen lässt, gehört vor die Operation und nicht danach.

Drittens das Rauchen. Nikotin verengt die kleinen Gefäße im Zahnfleisch und drosselt die Durchblutung. Transplantate heilen bei Rauchern schlechter ein, und die Deckungsraten fallen messbar ab. Die meisten Chirurgen verlangen einen Verzicht von mindestens zwei Wochen vor und vier Wochen nach dem Eingriff.

Ein vierter Faktor lässt sich nicht beeinflussen: der Gewebetyp. Manche Menschen haben von Haus aus ein dünnes, durchscheinendes Zahnfleisch, andere ein dickes und derbes. Der dünne Typ neigt stärker zum Rückgang und erzielt schlechtere Deckungsergebnisse. Das ist unangenehm, aber ehrlich.

Wie der Verlauf nach dem Eingriff aussieht

Die ersten zwei Wochen bestimmen das Ergebnis. In dieser Zeit wächst das Transplantat an die neue Blutversorgung an, und jede mechanische Störung gefährdet diesen Vorgang.

Putzen Sie die operierte Stelle nicht. Stattdessen spülen Sie zwei- bis dreimal täglich mit einer Chlorhexidinlösung, die der Behandler verordnet. Nach etwa zehn bis vierzehn Tagen werden die Nähte entfernt, danach beginnt die vorsichtige Reinigung mit einer sehr weichen Bürste.

Verzichten Sie zwei Wochen auf Sport, Sauna und heiße Getränke. Blutdrucksteigerung und Wärme erhöhen die Nachblutungsgefahr.

Das endgültige Ergebnis zeigt sich nach etwa sechs Monaten. In dieser Zeit reift das Gewebe, passt seine Farbe an und schrumpft geringfügig. Wer nach vier Wochen enttäuscht ist, urteilt zu früh.

Kernfakten im Überblick

Aspekt Wesentliches
Grundregel Zahnfleisch wächst nicht von allein nach, ein Aufbau gelingt nur chirurgisch oder durch Abdecken
Planungsgrundlage Die Miller-Klassifikation legt fest, ob eine vollständige Wurzeldeckung überhaupt erreichbar ist
Verlässlichstes Verfahren Bindegewebstransplantat vom Gaumen mit Verschiebelappen, Deckungsraten über achtzig Prozent bei Klasse I und II
Schonende Varianten Tunneltechnik und Pinhole-Methode arbeiten ohne Aufklappen, die Langzeitdaten sind jedoch schmaler
Voraussetzung Ausgeheilte Entzündung, korrigierte Putztechnik und Verzicht auf Nikotin vor und nach dem Eingriff

Fazit

Zahnfleisch aufbauen ist möglich, aber nicht überall und nicht durch Hausmittel. Die Grenze zieht der Knochen zwischen den Zähnen: Ist er erhalten, lässt sich die freiliegende Wurzel meist vollständig abdecken. Fehlt er, bleibt bestenfalls eine Teildeckung.

Vor der Frage nach dem Verfahren steht deshalb die Untersuchung. Ein Behandler misst die Rezessionstiefe, beurteilt den Zwischenraumknochen und ordnet den Befund nach Miller ein. Erst danach lässt sich sagen, ob ein Bindegewebstransplantat, eine Kollagenmatrix oder eine Kompositfüllung am Zahnhals der passende Weg ist.

Zwei Dinge sollten Sie mitnehmen. Ohne behandelte Entzündung und ohne geänderte Putztechnik hält kein Ergebnis. Und wer raucht, sollte die Erwartung anpassen oder den Zeitpunkt verschieben. Die Verfahren selbst sind ausgereift. Was über ihren Erfolg bestimmt, liegt größtenteils davor und danach.

Häufig gestellte Fragen zum Thema „zahnfleisch aufbauen“

Wie lange hält das Ergebnis eines Zahnfleischaufbaus?

Bei stabilen Verhältnissen bleibt die Deckung über Jahrzehnte erhalten. Langzeituntersuchungen über zehn Jahre und mehr zeigen für Bindegewebstransplantate eine geringe Rückbildung, meist unter einem Millimeter. Ausschlaggebend bleibt, ob die auslösende Ursache beseitigt wurde. Bleibt ein zu kräftiger Putzdruck bestehen, geht das aufgebaute Gewebe denselben Weg wie das ursprüngliche, oft innerhalb von fünf bis acht Jahren. Auch eine nicht kontrollierte Parodontitis führt zum Rückfall. Wer die Nachsorge einhält und die Technik umstellt, kann dagegen mit einem dauerhaften Ergebnis rechnen.

Kann man Zahnfleisch auch um Implantate herum aufbauen?

Ja, allerdings unter anderen Bedingungen. Um ein Implantat fehlen die Bindegewebsfasern, die einen natürlichen Zahn abdichten, weshalb das Gewebe dort weniger stabil sitzt. Ein Aufbau ist möglich und wird bei sichtbar durchschimmerndem Titan im Frontzahnbereich häufig durchgeführt, meist mit einem Bindegewebstransplantat oder einer Kollagenmatrix. Der günstigste Zeitpunkt liegt vor oder während der Implantation, nicht Jahre danach. Ist bereits eine Entzündung des Implantatlagers eingetreten, muss diese zuerst behandelt werden. Die Erfolgsaussichten liegen unter denen am natürlichen Zahn, weil die Blutversorgung schlechter ausfällt.

Worin unterscheidet sich der Aufbau vom kosmetischen Entfernen von Zahnfleisch?

Beide Eingriffe verändern den Verlauf des Zahnfleischsaums, arbeiten aber in entgegengesetzte Richtungen. Beim Aufbau wird Gewebe hinzugefügt, um freiliegende Wurzeln zu decken. Beim gegenteiligen Eingriff, der Gingivektomie, wird überschüssiges Gewebe entfernt, etwa bei einem sogenannten Gummy Smile, bei dem beim Lachen viel Zahnfleisch sichtbar wird. Wie eine Gingivektomie abläuft, folgt einer eigenen Planung. Verwechslungen entstehen häufig, weil beide Verfahren unter dem Begriff Zahnfleischkorrektur beworben werden.

Spielt es eine Rolle, ob ein oder mehrere Zähne betroffen sind?

Die Methodenwahl verändert sich deutlich. Bei einem einzelnen Zahn arbeiten die meisten Chirurgen mit einem Verschiebelappen und einem kleinen Transplantat, weil sich der Eingriff eng begrenzen lässt. Sind mehrere benachbarte Zähne betroffen, spricht viel für die Tunneltechnik, die über einen zusammenhängenden Bereich arbeitet und weniger Schnitte braucht. Bei sehr ausgedehnten Befunden über acht oder mehr Zähne wird häufig in zwei Sitzungen behandelt, weil die benötigte Transplantatmenge sonst zu groß für den Gaumen wäre. Auch die Menge an entnehmbarem Gewebe ist begrenzt.

Was passiert, wenn ein Transplantat nicht anwächst?

Der Verlust eines Transplantats kommt vor, bleibt aber die Ausnahme. Bemerkbar wird er in den ersten zwei Wochen durch eine gräuliche oder weißliche Verfärbung des Gewebes, das sich später ablöst. Ursachen sind meist eine gestörte Blutversorgung durch zu straffe Nähte, eine Infektion oder mechanische Belastung, etwa durch Putzen an der operierten Stelle. Ein zweiter Versuch ist möglich, sollte aber frühestens nach drei Monaten erfolgen, damit sich das Gewebe erholt. Die Erfolgsaussichten beim Wiederholungseingriff liegen etwas niedriger, weil Narbengewebe die Beweglichkeit einschränkt.

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