Eine dentogene Sinusitis ist eine Entzündung der Kieferhöhle, deren Ursache in einem Oberkieferzahn oder einer Zahnbehandlung liegt. Sie verläuft meist einseitig und heilt erst dauerhaft, wenn die Quelle an der Zahnwurzel beseitigt ist.
Wenn die Nebenhöhlenentzündung von den Zähnen ausgeht
Eine verstopfte Nase, Druck unter dem Auge, ein unangenehmer Geruch. Die meisten Betroffenen denken an eine Erkältung und suchen ihren Hausarzt oder eine HNO-Praxis auf. Bei einer dentogenen Sinusitis liegt der Auslöser jedoch nicht in der Nase, sondern wenige Millimeter darunter: an der Wurzel eines oberen Backenzahns.
Fachleute verwenden die Begriffe dentogen und odontogen gleichbedeutend. Beide beschreiben einen Ursprung in den Zähnen. In der Fachliteratur heißt das Krankheitsbild meist odontogene Sinusitis maxillaris, wobei maxillaris für die größte der Nasennebenhöhlen steht. Bereits 1943 beschrieb der Arzt Bauer diesen Zusammenhang und schätzte den Anteil damals auf etwa zehn Prozent aller Entzündungen dieser Höhle.
Heute zeigt sich ein anderes Bild. Seit dreidimensionale Röntgenverfahren in Praxen und Kliniken verfügbar sind, entdecken Zahnärzte und HNO-Ärzte die Zahnursache in einem deutlich größeren Anteil der Fälle. Dieser Beitrag erklärt, wie die dentogene Sinusitis entsteht, woran Sie sie erkennen, wie Diagnostik und Therapie ablaufen und warum eine reine Versorgung der Nase selten genügt.
Was ist eine dentogene Sinusitis?
Die S2k-Leitlinie der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF, Register 007-086), federführend erstellt von der Deutschen Gesellschaft für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie und zuletzt im April 2026 aktualisiert, beschreibt die Erkrankung als entzündliche Veränderung der Kieferhöhlenschleimhaut. Sie entsteht überwiegend infolge einer Infektion an den Zähnen oder einer zahnmedizinischen Maßnahme. Meist ist nur eine Seite betroffen.
Das Papier grenzt diese Form klar von der Rhinosinusitis ab, also der klassischen Nebenhöhlenentzündung nach einem Infekt der Nase. Der Unterschied ist nicht akademisch. Bei der nasal bedingten Form beginnt die Reizung in der Nase und steigt in die Nebenhöhlen auf. Bei der dentogenen Sinusitis wandert sie in die entgegengesetzte Richtung, von der Zahnwurzel durch den dünnen Knochen im Bereich des Oberkiefers in den Boden der Nebenhöhle. Daraus folgt eine andere Therapie.
Wie unterscheiden sich akute und chronische Verläufe?
Nach der Dauer unterscheiden Fachleute zwei Verlaufsformen. Bei einer akuten Sinusitis setzen die Beschwerden rasch ein, mit Druckschmerz, eitrigem Sekret und manchmal Fieber. Als chronisch gilt ein Verlauf, dessen Beschwerden länger als zwölf Wochen ohne vollständige Rückbildung anhalten.
Die zahnbedingte Form neigt zu schleichenden Verläufen, weil die Bakterienquelle an der Wurzel die Auskleidung der Höhle immer wieder neu reizt. Auffällig ist ein Muster: Eine akute Phase klingt unter Antibiotika ab, flammt aber nach Wochen erneut auf. Bei mehreren solcher Episoden im Jahr wächst die Gefahr einer Dauerreizung im Sinne einer chronischen Sinusitis. Spätestens dann lohnt der gezielte Blick auf die Zähne.
Wie nah liegen Zahnwurzeln und Nebenhöhle beieinander?
Erstaunlich nah. Die Wurzelspitzen der oberen Backenzähne reichen bis an den Boden des Sinus maxillaris heran. Bei manchen Menschen trennt nur eine papierdünne Knochenschicht beide Räume, bei anderen ragen die Wurzeln sogar in die Höhle hinein und sind lediglich von einer feinen Haut bedeckt. Diese Auskleidung heißt Schneider’sche Membran, benannt nach dem Anatomen Conrad Victor Schneider.
Eine Fallserie aus der HNO-Fachliteratur hat ausgewertet, welche Zähne die Reizung auslösten. Der erste große Backenzahn war mit 40,5 Prozent beteiligt, der zweite mit 25,7 Prozent. Es folgten der zweite kleine Backenzahn mit 21,6 Prozent und der Weisheitszahn mit 12,2 Prozent. Gemeinsam bilden die Molaren damit klar die Hauptgruppe. Frontzähne spielen praktisch keine Rolle.
Wie sich die Nasennebenhöhlen selbst reinigen
Um Erkrankungen der Nasennebenhöhlen zu verstehen, lohnt ein kurzer Blick auf das System dahinter. Der Mensch besitzt vier paarige Nebenhöhlen: die Kieferhöhlen, die Siebbeinzellen, die Stirnhöhlen und die Keilbeinhöhle. Alle sind mit einer Schleimhaut ausgekleidet, auf der Millionen feiner Flimmerhärchen sitzen. Diese Zilien schlagen in einem festen Rhythmus und transportieren Sekret, Staub und Keime Richtung Nase.
Der Weg dorthin führt über kleine Öffnungen, die natürlichen Ostien der Nasennebenhöhlen. Beim Sinus maxillaris liegt diese Öffnung ungünstig, nämlich hoch oben an der inneren Wand. Die Flimmerhärchen müssen das Sekret also gegen die Schwerkraft nach oben befördern. Funktioniert das, bleibt die Höhle sauber und belüftet.
Beginnt sich der Boden der Höhle zu entzünden, schwillt die Auskleidung an und das Ostium verengt sich. Die Drainage stockt. Es kommt zur Ansammlung von Schleim, in dem sich Keime ungestört vermehren. Genau dieser Mechanismus verbindet die Zähne mit der Nase: Ein Entzündungsherd am Boden der Höhle lässt die Auskleidung dauerhaft anschwellen und blockiert damit den einzigen Ausgang. Über den mittleren Nasengang kann sich der Stau bis in das vordere Siebbein fortsetzen.
Ursachen: Woher die Reizung kommt
Eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2014 wertete 674 Krankheitsfälle aus. Das Ergebnis relativiert ein verbreitetes Bild. In 65,3 Prozent der Fälle war eine Maßnahme in der Praxis selbst der Auslöser. Entzündliche Prozesse an der Wurzelspitze machten 25,1 Prozent aus, Erkrankungen des Zahnhalteapparats 8,3 Prozent.
Welche Zahnerkrankungen lösen eine dentogene Sinusitis aus?
An erster Stelle der krankheitsbedingten Auslöser steht die apikale Parodontitis, ein Entzündungsherd im Knochen rund um die Wurzelspitze. Sie entsteht, wenn Bakterien aus einem abgestorbenen Nerv in den Knochen vordringen. Vorausgehen kann eine Pulpitis, also ein entzündeter Zahnnerv, der nie versorgt wurde und unbemerkt abgestorben ist. Die Zahnwurzelentzündung breitet sich anschließend durch den dünnen Knochen bis in die Nebenhöhle aus.
Tückisch daran: Ein toter Zahn schmerzt selten. Der Nerv ist abgestorben, also fehlt das Warnsignal. Laut einer Übersicht im Fachjournal Laryngoscope Investigative Otolaryngology aus dem Jahr 2018 berichtet nur etwa ein Drittel der Betroffenen über Zahnschmerzen.
Weitere Auslöser sind tiefe Zahnfleischtaschen, eine Zyste an der Zahnwurzel oder Infektionen rund um verlagerte Weisheitszähne. Seltener gehen Fremdkörper, Verletzungen des Knochens oder Tumoren voraus. Letztere wären ein eigenes Thema.
Welche Rolle spielen Maßnahmen in der Zahnarztpraxis?
Die größte Gruppe bilden sogenannte iatrogene Ursachen, also Folgen einer Therapie. Das Konsenspapier nennt ausdrücklich Zahnentfernungen, operative Zahnentfernungen, den Knochenaufbau am Boden der Nebenhöhle, Implantationen und Wurzelkanalfüllungen. Bei einer Wurzelkanalbehandlung kann überpresstes Füllmaterial über die Wurzelspitze hinaus in die Höhle gelangen. Bei einem Sinuslift kann die Schneider’sche Membran einreißen und Aufbaumaterial austreten.
Ein weiteres Szenario betrifft die Implantologie. Ein Zahnimplantat, das zu weit in den Sinus ragt, kann die Auskleidung darüber dauerhaft reizen. Dasselbe gilt für eine Periimplantitis im Seitenzahnbereich. Nach dem Ziehen eines oberen Backenzahns entsteht mitunter eine Mund-Antrum-Verbindung, eine offene Verbindung zwischen Mundhöhle und Nebenhöhle. Über sie gelangen Speisereste, Flüssigkeit und Keime direkt nach oben.
In der Praxis zeigt sich ein wiederkehrendes Muster. Zwischen der Maßnahme und den ersten Beschwerden liegen Wochen, manchmal Monate. Den Zusammenhang stellt dann kaum jemand her, weder die Betroffenen noch der Arzt, der nur die Nase untersucht.
Ein typisches Beispiel aus der Sprechstunde: Eine Patientin bemerkt drei Monate nach einem Sinuslift einen einseitig faulen Geschmack und hält ihn für eine hartnäckige Erkältung. Erst die dreidimensionale Aufnahme zeigt Aufbaumaterial, das in die Nebenhöhle ausgetreten ist.
Welche Keime sind beteiligt?
Die Keimwelt unterscheidet sich deutlich von der einer gewöhnlichen Nebenhöhlenentzündung. Bei der nasalen Form stehen Erreger der Atemwege im Vordergrund. Bei odontogenen Prozessen dominiert eine bakteriell gemischte Flora aus der Mundhöhle, in der sauerstoffscheue Anaerobier einen großen Anteil stellen. Diese Bakterien produzieren übelriechende Stoffwechselprodukte. Daher der typische Geruch.
Für die Antibiotikawahl hat das Folgen. Mittel, die bei einer nasal bedingten Nebenhöhlenentzündung gut wirken, erfassen die anaerobe Flora aus dem Mund nicht immer ausreichend. Mikrobiologische Vergleichsstudien zeigen genau diese Unterschiede zwischen beiden Formen.
Symptome der dentogenen Sinusitis
Die Beschwerden ähneln auf den ersten Blick einer gewöhnlichen Entzündung der Nasennebenhöhlen. Typisch sind eine behinderte Nasenatmung, Sekret, das nach vorne oder in den Rachen abläuft, ein Druckgefühl im Bereich der Kieferhöhle sowie Kopfschmerzen. Wer sich vornüberbeugt, spürt den Druck stärker. Manche Betroffene haben Fieber, andere bleiben fieberfrei.
Ein Merkmal sticht heraus. Der Geruch.
Betroffene nehmen einen fauligen Geruch oder Geschmack wahr, den Fachleute Kakosmie nennen. In einer klinischen Fallserie war dieser üble Geruch mit 62,6 Prozent das führende Symptom, noch vor der verstopften Nase. Eine Schwellung der Wange tritt dagegen nur bei ausgeprägten Verläufen auf und gilt als Warnzeichen.
Kopfschmerzen und ein dumpfer Druck im Seitenzahnbereich werden leicht fehlgedeutet. Wer Kopfschmerzen durch Zähne erkennen will, achtet auf die Seite des Schmerzes und auf Beschwerden beim Aufbeißen. Die Fachgesellschaften weisen auf eine weitere Besonderheit hin: Eine odontogene Sinusitis kann vollständig symptomlos verlaufen. Sie fällt dann zufällig auf einer Röntgenaufnahme auf, die eigentlich aus einem anderen Grund entstanden ist.
Wie unterscheidet sich die dentogene von der rhinogenen Sinusitis?
Die klassische Form entsteht, wenn Viren oder Bakterien aus einem Schnupfen in die Nebenhöhlen aufsteigen. Sie betrifft meist beide Seiten. Drei Hinweise sprechen dagegen dafür, dass die Ursache dental liegt. Erstens die Einseitigkeit. Zweitens der faulige Geruch. Drittens eine Zahnbehandlung in den Wochen oder Monaten davor. Laut der genannten Übersicht aus 2018 berichtet etwa die Hälfte der Patienten von einer vorangegangenen Prozedur oder einer dentalen Infektion, und das Erkrankungsalter liegt meist zwischen 40 und 60 Jahren.
Ein vierter Hinweis zeigt sich erst im Verlauf. Die Beschwerden kehren nach jeder Therapie der Nase zurück. Nasensprays, die abschwellend wirken, lindern kurzfristig, beseitigen aber nicht die Quelle. Wer diesen Kreislauf bei sich beobachtet, sollte die Zähne als Ursache aktiv ansprechen.
Diagnostik: Warum der Blick in den Mund dazugehört
Die größte Hürde ist die Zuständigkeit. Patienten mit Nebenhöhlenbeschwerden gehen zum HNO-Arzt, nicht in die Zahnarztpraxis. Die Autoren des deutschen Konsenspapiers sichteten 85 internationale Empfehlungen zur Nebenhöhlenentzündung und stellten fest, dass nur eine Handvoll davon odontogene Sinusitiden überhaupt gezielt berücksichtigt.
Wie groß diese Lücke ist, zeigen Studien mit Computertomographie. Bei einer einseitig verschatteten Nebenhöhle steckt in 45 bis 75 Prozent der Fälle ein dentaler Auslöser dahinter. Fachautoren raten daher, jede einseitige Verschattung zahnärztlich abklären zu lassen. Eine Übersichtsarbeit in den Otolaryngologic Clinics of North America aus dem Jahr 2024 bezeichnet die dentogene Sinusitis deshalb als führende Ursache einseitiger Verschattungen. Auffällig ist ein Detail aus einer US-amerikanischen Kohortenstudie: Die Teilnehmer hatten vor der eigentlichen Sanierung im Schnitt 2,6 Antibiotikazyklen erhalten, ohne dass die Quelle beseitigt war.
Bei Verdacht sehen die Empfehlungen eine zahnmedizinische Untersuchung von außen und im Mund vor. Der Zahnarzt prüft mit einem Kältetest, ob der Nerv noch lebt, klopft die Zähne ab, misst die Zahnfleischtaschen und sucht nach Fisteln. Der HNO-Arzt ergänzt mit einer Nasenendoskopie, bei der eine dünne Optik Eiter oder geschwollene Areale im mittleren Nasengang sichtbar macht. Erst wenn beide Fachrichtungen den Befund klinisch zusammenführen, entsteht die Grundlage für weitere Schritte.
Welche Bildgebung klärt die Ursache?
Ein klassisches Panoramaröntgen zeigt Zähne und Nebenhöhle zwar gleichzeitig, aber nur zweidimensional. Überlagerungen verdecken feine Befunde an den Wurzelspitzen. Diagnostisch mehr Klarheit bringt die digitale Volumentomographie, kurz DVT. Sie erzeugt ein dreidimensionales Bild bei geringerer Strahlenbelastung als ein klassisches CT. Für ihren Einsatz in der Zahnmedizin existiert eine eigene S2k-Empfehlung mit der Registernummer 083-005.
Radiologisch erkennen Fachleute eine verdickte Auskleidung direkt über einer Wurzelspitze, einen aufgelösten Knochenboden, Fremdmaterial oder eine offene Verbindung zur Mundhöhle. Im fortgeschrittenen Stadium zeigt sich eine vollständige Verschattung der Kieferhöhle, bei der kein Luftraum mehr erkennbar ist. Ein einseitiger Befund mit Bezug zu einem auffälligen Zahn gilt als starker Hinweis. Allein reicht er nicht. Erst wenn Bild, Beschwerden und Zahnbefund zusammenpassen, steht die Diagnose fest und die Therapie lässt sich gezielt planen.
Auffällig oft fragen Patienten nach, warum ihr letztes Röntgenbild nichts gezeigt hat. Die Antwort liegt meist in der Technik, nicht im Befund. Ein kleines Zahnfilmbild erfasst den Boden der Nebenhöhle nur am Rand, und eine frühe Verdickung der Auskleidung wirft dort kaum einen Schatten. Bringen Sie zum Termin alle vorhandenen Röntgenbilder und eine Liste aller Zahnbehandlungen der letzten zwölf Monate mit. Das spart Zeit und erspart unter Umständen eine zusätzliche Aufnahme.
Therapie: Erst die Quelle, dann die Nebenhöhle
Therapeutisch zählt vor allem die Reihenfolge. Der Grundsatz lautet: Ohne Sanierung der Zähne heilt eine dentogene Sinusitis selten dauerhaft. Die Therapie einer odontogenen Sinusitis folgt deshalb einer klaren Logik. Zuerst wird die dentale Ursache beseitigt, danach erhält die Nebenhöhle bei Bedarf eine eigene Versorgung. Welche Schritte nötig sind, hängt vom Stadium, vom Zahnbefund und vom Zustand der Auskleidung ab.
Wann reicht die Sanierung an den Zähnen aus?
Bei frischen Fällen, die akut verlaufen, genügt mitunter die Therapie an der Wurzel. Die Endodontie, also das Fachgebiet der Wurzelkanalbehandlung, bietet dafür eine erstmalige Aufbereitung oder die Revision einer alten Wurzelfüllung. Ist das nicht möglich, folgt eine Wurzelspitzenresektion oder die Extraktion des betroffenen Zahns. Danach kann die Nebenhöhle über ihren eigenen Ausgang zur Nase abheilen.
Die Erfolgsquote ist allerdings begrenzt. Studien zur alleinigen Sanierung an den Zähnen berichten im Mittel von rund 60 Prozent Heilung. Das betrifft vor allem frühe Stadien, in denen die Auskleidung noch nicht dauerhaft verändert ist und das Ostium frei bleibt.
Welche Rolle spielen Antibiotika?
Antibiotika können eine akute Phase eindämmen und Fieber senken. Sie ersetzen aber nicht die Sanierung. Die Bakterienquelle an der Wurzel bleibt bestehen, solange niemand sie entfernt. Eine antibiotische Therapie ist deshalb ein Baustein, kein Ersatz.
In der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde gilt Amoxicillin als erste Wahl, bei Bedarf kombiniert mit Clavulansäure. Bei einer Penicillinallergie verordnen Zahnärzte bislang Clindamycin. Laut einer Auswertung im Fachblatt zm aus dem Jahr 2025 war es 2024 das dritthäufigst verordnete Antibiotikum deutscher Zahnärzte. Fachautoren mahnen inzwischen zur Zurückhaltung, weil das Mittel Darminfektionen begünstigen kann und mundtypische Keime einen vergleichsweise hohen Resistenzanteil zeigen. Hinzu kommt: Ein großer Teil der angegebenen Penicillinallergien bestätigt sich im Allergietest nicht. Welches Präparat infrage kommt, legt ausschließlich der behandelnde Arzt fest.
Wann wird eine Operation der Nasennebenhöhlen nötig?
Bei chronischen Verläufen ist die Auskleidung meist so stark verdickt, dass der Abfluss über das Ostium dauerhaft verlegt ist. Dann kommt die funktionelle endoskopische Nasennebenhöhlenchirurgie zum Einsatz, abgekürzt FESS. Der HNO-Chirurg arbeitet durch die Nase, ohne äußeren Schnitt, erweitert den Zugang zur Kieferhöhle und entfernt Eiter, krankhaft veränderte Auskleidung und eingedrungenes Fremdmaterial.
Den größten Effekt hat die Kombination beider Fachgebiete. Eine retrospektive Studie aus dem Jahr 2025 verglich Patienten nach einer endoskopischen Nebenhöhlenoperation: Mit gleichzeitiger Sanierung an den Zähnen lag die Erfolgsrate bei 96,4 Prozent, ohne bei 73,9 Prozent. Dieser Abstand von mehr als 20 Prozentpunkten erklärt, warum Zahnarzt und HNO-Arzt den Fall gemeinsam planen sollten. Beide Schritte lassen sich teilweise in einer einzigen Narkose durchführen.
Sonderfall Mund-Antrum-Verbindung
Eine offene Verbindung zwischen Mund und Nebenhöhle ist einer der klassischen Wege zur dentogenen Sinusitis. Sie entsteht vor allem nach dem Ziehen eines oberen Backenzahns, dessen Wurzeln dicht am Boden der Höhle lagen. Kleine Defekte schließen sich mitunter von selbst, sobald sich ein stabiles Blutgerinnsel bildet. Größere Öffnungen verschließt die Oralchirurgie mit einem Schleimhautlappen aus der Umgebung, meist aus der Wange oder vom Gaumen.
Der Eingriff erfolgt in örtlicher Betäubung. In einer Untersuchung aus den European Archives of Oto-Rhino-Laryngology aus dem Jahr 2023 gelang dieser chirurgisch angelegte Verschluss in 98 Prozent der Fälle, sofern die Nebenhöhle vorher entzündungsfrei war. Dieser Zusatz ist wichtig. Wer eine vereiterte Höhle verschließt, sperrt die Keime ein, und die Naht reißt mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder auf.
Postoperativ gelten einfache, aber strenge Regeln. Betroffene sollten in den ersten ein bis zwei Wochen nicht kräftig schnäuzen, nicht mit geschlossenem Mund niesen und auf Saugen durch einen Strohhalm verzichten. Jeder Überdruck belastet die frische Naht. Diese Hinweise stammen aus dem Alltag der Oralchirurgie und gehören zu jedem Aufklärungsgespräch.
Typische Fehler im Verlauf
Bei einer dentogenen Sinusitis zählt weniger die einzelne Maßnahme als die richtige Reihenfolge. Wer nur die Beschwerden lindert, verlängert die Krankheit. Aus Fallberichten und Studien lassen sich einige Muster ableiten, die den Heilungsverlauf erfahrungsgemäß verzögern und Betroffene unnötig lange belasten. Die folgenden Punkte tauchen in der Fachliteratur wiederholt auf:
- Wiederholte Antibiotikagaben ohne Untersuchung der oberen Seitenzähne
- Eine Nebenhöhlenoperation, ohne den verursachenden Herd an der Wurzel zu sanieren
- Die Annahme, ein schmerzfreier, toter Seitenzahn sei harmlos
- Beschwerden nach Sinuslift oder Zahnentfernung, die als Erkältung gelten
- Kräftiges Schnäuzen kurz nach dem Ziehen eines oberen Backenzahns
Allen Punkten ist eines gemeinsam: Sie betrachten die Nebenhöhle isoliert und übersehen die Zähne als Ausgangspunkt. Gerade das Schnäuzen nach einer Zahnentfernung im Seitenzahnbereich wird gerne unterschätzt, denn der Überdruck kann eine dünne Knochenwand oder ein frisches Blutgerinnsel lösen. Wer nach einer Zahnbehandlung einseitige Nasenbeschwerden bemerkt, informiert am besten zuerst die Praxis, die sie durchgeführt hat.
Kernfakten im Überblick
| Aspekt | Das Wichtigste |
|---|---|
| Definition | Nebenhöhle im Oberkiefer, die sich entzündlich verändert, ausgehend von einem Zahnherd oder einer Zahnbehandlung |
| Verbreitung | 45 bis 75 Prozent aller einseitigen Verschattungen dieser Nebenhöhle in der Computertomographie haben eine dentale Ursache |
| Hauptursachen | Folgen von Zahnbehandlungen (rund 65 Prozent), Herde an der Wurzelspitze (rund 25 Prozent), Erkrankungen des Zahnhalteapparats (rund 8 Prozent) |
| Leitsymptome | Einseitige Beschwerden, fauliger Geruch, verstopfte Nase, Druck über der Wange, Zahnschmerz nur bei etwa einem Drittel |
| Therapie | Sanierung an der Wurzel, bei chronischem Verlauf zusätzlich eine endoskopische Operation, kombiniert mit Erfolgsraten über 96 Prozent |
Fazit
Die dentogene Sinusitis ist keine Randerscheinung. Sie steckt hinter einem großen Teil aller einseitigen Erkrankungen der Kieferhöhle und bleibt trotzdem lange unerkannt, weil Zähne und Nase in zwei verschiedenen Fachgebieten liegen. Der faulige Geruch, die Einseitigkeit und eine Zahnbehandlung in den Monaten davor sind die wichtigsten Hinweise. Zahnschmerzen fehlen bei der Mehrheit der Betroffenen. Für die Therapie gilt eine klare Reihenfolge: zuerst die Quelle an der Wurzel, dann bei Bedarf die Nebenhöhle. Wer diese Reihenfolge einhält und Zahnarzt und HNO-Arzt gemeinsam einbindet, hat sehr gute Aussichten auf eine dauerhafte Heilung. Wiederholte Antibiotikagaben ohne Zahnbefund verlängern dagegen nur den Leidensweg. Lassen Sie bei einseitigen, wiederkehrenden Nebenhöhlenbeschwerden immer auch die oberen Seitenzähne untersuchen.
Häufig gestellte Fragen zum Thema „Dentogene Sinusitis“
Kann eine alte Wurzelfüllung noch nach Jahren eine Kieferhöhlenentzündung auslösen?
Ja, eine dentogene Sinusitis kann auch Jahre nach der Wurzelbehandlung entstehen. Eine Wurzelfüllung dichtet den Kanal nicht immer vollständig ab. Bleiben Seitenkanäle oder ein Abschnitt des Hauptkanals unversorgt, können sich dort über Jahre Bakterien halten. Der Herd an der Wurzelspitze wächst langsam und meist ohne Schmerzen. Erst wenn er den Boden der Nebenhöhle erreicht, reagiert die Auskleidung mit Verdickung und Sekret. Zahnärzte prüfen deshalb bei Patienten mit einseitigen Nebenhöhlenbeschwerden gezielt alle wurzelgefüllten Seitenzähne. Eine DVT-Aufnahme zeigt, ob an einer solchen Wurzel ein Herd liegt, selbst wenn der betreffende Seitenzahn seit Jahrzehnten unauffällig war.
Kann die Reizung auf andere Nebenhöhlen übergreifen?
Ja. Die betroffene Nebenhöhle entleert sich über einen schmalen Gang in die Nase, der direkt neben dem Siebbein liegt. Schwillt die Auskleidung dort an, staut sich das Sekret auch in benachbarten Höhlen. Fachpublikationen beschreiben Fälle, in denen die dentogene Sinusitis zusätzlich eine Sinusitis ethmoidalis und eine Beteiligung des Sinus frontalis, also der Stirnhöhle, auslöste. Sehr selten breitet sich die Infektion bis in die Augenhöhle oder in den Schädel aus. Eine solche Komplikation kündigt sich durch eine Schwellung am Augenlid, Sehstörungen, hohes Fieber oder starke Kopfschmerzen mit Nackensteife an. Dann ist eine sofortige Abklärung in einer Klinik notwendig.
Muss der verursachende Seitenzahn immer gezogen werden?
Nein, verbreitet ist zwar die Annahme, dass nur die Entfernung die Reizung stoppt, doch das trifft nur auf einen Teil der Fälle zu. Ob sich ein Seitenzahn erhalten lässt, hängt von seiner Substanz, dem Zustand des umgebenden Knochens und der Ausdehnung des Herdes ab. Eine sorgfältige Wurzelkanalbehandlung oder eine Revision kann die Bakterienquelle beseitigen und den Seitenzahn bewahren. Anders sieht es aus bei Längsfrakturen der Wurzel, stark gelockerten Zähnen oder Wurzelresten, die bereits in der Nebenhöhle liegen. Dort ist die Entfernung meist die sicherere Lösung. Ob Erhalt oder Entfernung, klärt der Zahnarzt nach Auswertung der dreidimensionalen Aufnahme.
Ist nach einer dentogenen Sinusitis später ein Implantat möglich?
In den meisten Fällen ja, allerdings erst nach vollständiger Ausheilung. Eine entzündete Nebenhöhle ist kein geeignetes Umfeld für ein Implantat oder einen Knochenaufbau an ihrem Boden, weil Keime das neue Material besiedeln könnten. Zahnärzte warten daher ab, bis die Auskleidung wieder dünn und reizfrei ist, und kontrollieren das mit einer erneuten DVT-Aufnahme. Ist nach einer Zahnentfernung wenig Knochen übrig, folgt meist ein Aufbau der Nebenhöhle von unten. Wer zuvor eine Nebenhöhlenoperation hatte, profitiert von einer Abstimmung mit dem HNO-Arzt, damit der Sekretabfluss dauerhaft frei bleibt.
Verstärken Fliegen oder Tauchen die Beschwerden?
Das kann passieren. Bei Druckwechseln muss Luft zwischen Nase und Nebenhöhlen ausgeglichen werden. Ist der Ausgang der Nebenhöhle durch geschwollene Auskleidung verlegt, entsteht beim Landeanflug oder beim Abtauchen ein Unterdruck, der stechende Schmerzen über der Wange und in den oberen Seitenzähnen auslöst. Manche Betroffene bemerken die dentogene Sinusitis überhaupt erst auf einer Flugreise. Bei einer frischen Mund-Antrum-Verbindung kommt ein weiteres Risiko hinzu, weil Druckunterschiede den Wundverschluss belasten. Patienten mit bekannter Nebenhöhlenentzündung oder nach dem Ziehen eines oberen Backenzahns sprechen geplante Flüge und Tauchgänge daher vorab mit ihrem Zahnarzt ab.
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